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Kinder und Jugendliche setzen Zeichen gegen Rassismus und Antisemitismus

400 Schülerinnen und Schüler haben am Montag, 27. Januar 2020, an der Reinigung der 21 Soester Stolpersteine teilgenommen. Weitere Schulklassen befassten sich im Unterricht mit dem Holocaust und der Jugendverfolgung unter den Nationalsozialisten. Damit haben die Soester Schulen am Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus ein beeindruckendes Zeichen gegen Rassismus, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit gesetzt.

In Klassenverbänden und kleinen Gruppen hatten die Kinder und Jugendlichen am Vormittag die Stolpersteine gereinigt, die an verfolgte und getötete Soestrr Familien erinnern. Bürgermeister Dr. Eckhard Ruthemeyer bedankte sich bei der Abschlussveranstaltung im Blauen Saal für das Engagement: "Dass wir in Soest Stolpersteine haben, verdanken wir Ihren Vorgängerinnen und Vorgängern. Es waren Schülerinnen und Schüler des Archi- und des Aldegrever-Gymnasiums, die dieses Projekt durchgeführt haben. Dieses Mal, zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, haben sich die Schulen zu einer großen gemeinsamen Aktion zusammengefunden. Was für tolle Bilder: Hunderte von Schülerinnen und Schülern schrubben gegen das Vergessen. Dafür danke ich allen sehr – auch den Beteiligten aus Politik, Schulen und Verwaltung. Vielen Dank, im Namen der Stadt Soest So kann und wird es uns gelingen, dass Soest eine menschenfreundliche Stadt ist und bleibt, eine Stadt, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist und die daraus folgenden Verpflichtungen auch in Zukunft übernimmt."

Die Soester Aktion zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar wurde durch den Ausschuss für Bürgerbeteiligung und Sozialwesen sowie durch den Ausschuss für Schule und Weiterbildung nach einem Antrag der Fraktion der Grünen initiiert. Ursprünglich nur für eine kleinere Schülergruppe geplant, fand die Idee schnell so viele Befürworter, dass nun alle städtischen weiterführenden Schulen und die Grundschulen mitmachten. 

Dies ist die Dankesrede von Bürgermeister Dr. Ruthemeyer im Wortlaut:

"Stolpersteine putzen – warum muss dafür Schulunterricht ausfallen? Können das nicht die Leute von der Stadt erledigen? Die werden schließlich dafür bezahlt…

Liebe Schülerinnen und Schüler, das könnte ein Außenstehender auf den ersten Blick glauben. Wenn man Ihre Aktion näher betrachtet, haben Sie natürlich keine Straßenreinigung durchgeführt. Und niemand von Ihnen muss befürchten, dass er demnächst in städtischen Anlagen Unkraut jäten oder die Gräfte vom Müll befreien muss.

Sicher haben Sie heute gearbeitet, und die Stolpersteine sehen wieder gut und glänzend aus. Aber Ziel der Aktion ist, dass Sie sich erinnern und andere darauf aufmerksam gemacht haben, sich ebenfalls zu erinnern. Nicht Reinigungsarbeit haben Sie geleistet, sondern Gedenk-Arbeit. 

Damit beteiligen Sie sich am heutigen „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“. Der 27. Juni ist seit fast 25 Jahren ein gesetzlicher Gedenktag in der Bundesrepublik Deutschland. Das Datum ist ein Symbol: Es erinnert an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau vor genau 75 Jahren – am 27. Januar 1945. Auschwitz steht hier stellvertretend für die beispiellosen Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus: Verbrechen an Juden, Sinti und Roma, an Zwangsarbeitern und Homosexuellen, an politisch und religiös Andersdenkenden, an Widerstandskämpfer, an Kranken und Menschen mit Behinderung, und an allen Menschen, die nicht in das völkisch-rassistische Weltbild der Nationalsozialisten passten.

Bis heute erscheinen uns die Verbrechen ganz ungeheuerlich, in ihrem Ausmaß und in ihrer Ausführung. Damit verbindet sich die schlimme Erkenntnis: Selbstverständlich hat es nicht nur unzählige Opfer gegeben, sondern auch unzählige Täter: Deutsche, Angehörige des sogenannten „Volkes der Dichter und Denker“ – Bürger einer zivilisierten Nation, die einen einzigartigen Bruch der Zivilisation zu verantworten hat. 

Genau deshalb gedenken wir:

  • Wir gedenken der Opfer.
  • Und wir mahnen, damit wir nie wieder zu Tätern werden. Wir müssen immer und immer wieder an die Verbrechen und ihre Urheber und Ursachen erinnern, um zu verhindern, dass so etwas wieder geschieht.

In Deutschland gibt es eine starke Kultur des Erinnerns. Und es gibt immer wieder Kritik an dieser Kultur und den Wunsch nach einem Schlussstrich. Die Haltung der Bundesrepublik und ihrer Organe ist hier aber vollkommen eindeutig: Wir bekennen uns zu unserer Geschichte und zu der Verantwortung, die aus dieser Geschichte folgt.

Diese Verantwortung gehört zur Bundesrepublik Deutschland und ihrem Wertesystem zwingend dazu!

Und deshalb sind solche Gedenktage wie heute sicher manchmal formelhaft, vielleicht auch mal etwas langweilig oder lästig, und sie sind sich natürlich ähnlich. Das gilt auch für die Reden, die an solchen Tagen gehalten. Aber wir alle brauchen solche Rituale, Jahrestage und Mahnmale. So entstehen ein gemeinsames Bewusstsein und eine gemeinsame Kultur; und auf diese Weise sichern wir die humanen Werte, die unsere Gesellschaft in Deutschland prägen und lebenswert machen. Es gibt dazu keinen anderen Weg.

Liebe Schülerinnen und Schüler, für uns Ältere ist das selbstverständlich – zumindest für diejenigen, die unser Gemeinwesen mit seinen Werten mittragen. Wir sind so aufgewachsen. Unsere Eltern oder Großeltern, Onkel und Tanten haben die Zeit des Nationalsozialismus erlebt. Wir kennen Zeitzeugen, die berichtet haben. Wir waren nah dran. Jetzt ist es an Ihnen, den Staffelstab zu übernehmen. Auch wenn Sie zeitlich viel weiter entfernt sind, müssen Sie das Gedenken an die Opfer pflegen. Und Sie müssen mahnen, damit sich die Verbrechen nicht wiederholen. Die Verantwortung für die Zukunft liegt bei Ihnen: Die Verantwortung für ein menschliches Soest und für ein menschliches Deutschland.

Angst macht mir das nicht. Gerade Sie jungen Leute tragen die Bewegung „Friday for Future“ und zeigen eindrucksvoll, dass Sie darauf drängen, Verantwortung zu übernehmen. Auch mit Ihrer Beteiligung an der heutigen Aktion stellen Sie das unter Beweis:

  • Sie haben sich mit dem Thema auseinandergesetzt;
  • Sie haben auf den Knien geschrubbt und Demut demonstriert;
  • und Sie haben nach Außen ein sichtbares Signal gegeben: Ein Signal einer Haltung gegen Antisemitismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit.

Dass wir in Soest Stolpersteine haben, verdanken wir Ihren Vorgängerinnen und Vorgängern. Es waren Schülerinnen und Schüler des Archi- und des Aldegrever-Gymnasiums, die dieses Projekt durchgeführt haben. In den letzten Jahren haben Schülerinnen und Schüler immer wieder die Stolpersteine gesäubert. Dieses Mal, zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, haben sich die Schulen zu einer großen gemeinsamen Aktion zusammengefunden. Was für tolle Bilder: Hunderte von Schülerinnen und Schülern schrubben gegen das Vergessen.

 Dafür danke ich allen sehr – auch den Beteiligten aus Politik, Schulen und Verwaltung. Vielen Dank, im Namen der Stadt Soest.

So kann und wird es uns gelingen, dass Soest eine menschenfreundliche Stadt ist und bleibt, eine Stadt, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist und die daraus folgenden Verpflichtungen auch in Zukunft übernimmt.

Vielen Dank."