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Wilfried Hagebölling: Skulpturen und Zeichnungen

Wilfried Hagebölling: Ohne Titel, Stahl, 1971. Foto: Tobias Vorwerk

Das Museum Wilhelm Morgner Soest widmet dem 1941 in Berlin geborenen, in Soest aufgewachsenen und nach seinem Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München seit 1968 in Paderborn ansässigen Bildhauer Wilfried Hagebölling, der vor allem mit seinen großen, zum Teil begehbaren Stahlplastiken im öffentlichen Raum bekannt wurde und zu den bedeutenden Stahlbildhauern Deutschlands zählt, im Sommer 2018 eine umfangreiche Ausstellung. Eröffnung ist am Sonntag, 1. Juli, um 11 Uhr. Zur Einführung spricht Prof. Dr. Manfred Schneckenburger. Die Skulpturen und Zeichnungen Hageböllings sind anschließend bis 24. September 2018 im Museum Wilhelm Morgner zu sehen, im RAUM SCHROTH bis 3. Oktober 2018.

Für diese Ausstellung - der ersten Hageböllings nach mehr als 30 Jahren wieder in Soest, nachdem 1975, 1980 und 1985, also im Turnus von 5 Jahren, bereits Arbeiten von ihm im Stadtgebiet bzw. im damaligen Kunstpavillon gezeigt worden waren – stehen dem Künstler nun sämtliche Ausstellungsräume des Museums Wilhelm Morgner zur Verfügung, inklusive des RAUM SCHROTH der Stiftung Konzeptuelle Kunst des Sammlers Carl-Jürgen Schroth, um den das Museum 2016 erweitert wurde.

Gezeigt werden „Skulpturen und Zeichnungen“, jedoch nicht in einer Retrospektive, die möglichst „viel Hagebölling“ in den vorhandenen Räumen ausbreiten will, sondern in einer vom Künstler selbst getroffenen Auswahl, die wichtige Facetten seines komplexen Werkes im vorgegebenen architektonischen Raum des Museums, der als Innenraum von vornherein Beschränkungen auferlegt, konzentriert und ortsgenau zum Ausdruck bringt. 2

Überlebensgroße, tonnenschwere begehbare Stahlarbeiten schließen sich im Innenraum aus. Da das Museum Wilhelm Morgner über keine Außenanlagen verfügt, in denen solche Arbeiten aufgestellt werden könnten, Hagebölling auf diese für ihn charakteristischen Werke jedoch nicht verzichten wollte, stellt er sie im Modell dar, – den Eindruck der in einem Natur- oder im Stadtraum aufgestellten großen Skulpturen geben eindrucksvoll Großfotos wieder. Für den Betrachter haben diese Modelle ihren ganz eigenen Reiz, vermitteln sie doch viel von der Arbeitsweise Hageböllings. Keine dieser Skulpturen ist auf dem Reißbrett entworfen, immer verläuft die Entwicklung über Modelle. Einem recht unscheinbaren kleinen Sperrholzmodell, einem verzogenen, offenen Raum, in dem eine „Wand“ vermittels eines Nagels im Inneren drehbar ist, sieht man die wahren Dimensionen – 7,50 m Länge, 3,20 m Höhe und 2,70 m Tiefe – der ausgeführten Stahlarbeit nicht an. Auf der anderen Seite überraschen die Modelle der beweglichen Skulpturen von 1971, wenn man sich auf sie einlässt, schon im kleinen Maßstab durch ihre Monumentalität. Hautnah, körperlich lassen sich die begehbaren Skulpturen erleben im nur gut 50 Kilometer entfernten Skulpturengarten des Künstlers in Paderborn-Sennelager, zu dem das Museum am 7. Juli auch eine Exkursion anbietet.

Dass die Raumskulpturen von Wilfried Hagebölling den Betrachter „aktiv und affektiv“ (J. Howoldt, 1986) einbeziehen, ihn auffordern, im Umgehen und Begehen der Skulpturen eigene Raumerfahrungen zu machen, dass diese sich ihm dadurch auch erst ganz in ihrer eigenen Form erschließen, ist schon Mitte der 1980-er Jahre von allen festgestellt worden, die sich mit Hagebölling auseinandergesetzt haben. Auch die Unterschiede zu Rauminstallationen oder Architekturskulpturen anderer Künstler sind hervorgehoben worden: Hageböllings Arbeiten sind nie „Instrumente für pure Raumerfahrungen“ (M. Schneckenburger, 1988) sondern immer Skulpturen, die ihre volle Kraft aus dem Zusammenwirken von sowohl in den Umraum ausgreifenden als auch in einem Innenraum verdichteten räumlichen Energien beziehen.

Was für die großen begehbaren Arbeiten gilt, trifft auch auf die vier raumgreifenden mehrteiligen Stahlarbeiten (bzw. aus Stahl und Beton) in der Ausstellung zu, die, jeweils unterschiedlich, Raum erfahrbar machen und den vorhandenen Raum neu strukturieren.

Das ausgeklügelte, präzise konstruierte „Innen-Außen-Kreis-Stück“ von 1992 grenzt mit der Härte und Schärfe des Materials eindeutig einen Innenraum vom umgebenden Außenraum ab. Die Arbeit im Obergeschoss mit 6 Schraubzwingen, eine rechtwinklige, zum Boden offene, hohle Kreuzform mit gleich langen Armen, die in der breiteren Achse längs aufgeschnitten und asymmetrisch auseinandergezogen ist, verlangt dem Betrachter dagegen mehr Gespür und Konzentration ab, um den sich über dem Boden ausbildenden Binnenraum der Plastik zu erfassen, auszuloten, wo innen, wo außen ist. Und erst im wiederholten Umgehen und sich Bewegen zwischen den Kreuzarmen wird der Betrachter sich seines eigenen Aufrechtstehens bewusst, wenn er sein Augenmerk nun nicht mehr vorwiegend auf den Boden konzentriert, sondern auch die seitlich offenen Schächte in den Blick nimmt, die über 3 dem Schnittpunkt der Achsen hochragen. Erst allmählich spürt er, wie er selbst einbezogen ist in dieses Gefüge: als eigentlicher Mittelpunkt, der das Zentrum selbst individuell markiert. Und wieder anders als diese im Verhältnis leicht wirkenden Skulpturen ist die neue, eigens für diese Ausstellung realisierte Stahlarbeit im Raum Schroth (1987/2018): wuchtig und schwer ruht sie auf den untergeschobenen Hölzern. Das Präzise, Scharfkantige wird hier aufgebrochen, indem der Mittelpunkt der drei in den Raum ragenden Arme grob herausgeschnitten, ja, wie herausgerissen ist.

Einen ganz anderen Aspekt des Werkes zeigen die hier ausgestellten „Eck-Stücke“. Die sonst so bestechende, wenn auch manchmal nur vermeintliche „Klarheit“ der Form, das Konstruierte, mit hoher Präzision Ausgeführte gibt es hier nicht. Die groben, unterschiedlich großen Stahlstücke, die wild in eine Ecke des Raumes geworfen wurden, greifen den „Funktionsraum“ (Hagebölling) an einer ihn konstituierenden Stelle, der Ecke, an, sie zertrümmern ihn gewissermaßen. Ebenso das klobige, mit schwarzem Wachs überzogene Eck-Stück, in dem konstruktive Elemente mit amorphen Formen verschmolzen sind. Auch chaotisch – aber hinreißend, hinreißend schön – das hoch an der Wand, kurz unterhalb der Decke wie angeklebte Eck-Stück, das wie ein Nest wirkt, oder wie ein Kapitell ohne Funktion.

Das tonnenschwere Betonstück, der ausgegossene Zwischenraum zwischen einer Raumecke und einem im Raum stehenden Ölfass, verdeutlicht schließlich den experimentellen Charakter der Arbeiten Hageböllings. Es geht, wie er selbst sagt, schließlich „nicht darum, ein weiteres Kunstwerk zu schaffen, sondern darum, wie (was) Skulptur sein könnte, was sie ausmacht“ (Interview mit C. Wieg).

Im direkten Eingangsbereich des Museums wird die Arbeit „Abu-Ghureib 2003/2004 – Friedrich von Spee 1631/1632“ (der „Käfig“) gezeigt. Zur ersten Aufstellung in Paderborn schrieb Hagebölling (Text des am „Käfig“ angebrachten Flugblattes): “Die ad-hoc-Intervention im öffentlichen Raum ist Protest gegen Folter. Die Arbeit präsentiert eine Isolierzelle, wie sie US-Truppen für Abu-Ghureib-Häftlinge in Bagdad benutzen – eins zu eins – am Entstehungsort der “cautio criminalis“ (1631/1632) des Friedrich von Spee, auf dem Gelände des ehemaligen Paderborner Jesuitenkollegs ab Samstag, 30. Oktober 2004.“ Nachdem der „Käfig“ in Paderborn seinerzeit für viel Furore sorgte, zeigte Jan Hoet ihn 2009 in seiner Ausstellung "COLOSSAL" in Osnabrück vor dem sogenannten braunen Haus (vor dem Kulturhistorischen Museum und dem Nußbaum-Haus), wo er als einzige Arbeit auch wieder Gegenstand einer größeren Auseinandersetzung war. Es bleibt abzuwarten, wie die Soester reagieren, - erübrigt hat sich der Käfig noch lange nicht, leider.

Daneben werden, gleichwertig, Zeichnungen gezeigt, und zwar, mit zwei Ausnahmen, die ab 1997 entstandenen, völlig eigenständigen Zeichnungen, die „geradezu ursächlich auf Körpergröße, -gewicht, -reichweite des Künstlers gegründet (sind)“ (M. Schneckenburger). Hier hat der Künstler die Farbe entweder mit den Händen auf an die Wand geheftete, bis auf den Boden hinabreichende Papiere oder Leinwände aufgetragen, oder sie sind auf dem Boden entstanden, sozusagen „mit 4 den Füßen gemalt“, als verdichteter Ort, wenn der Künstler sich wieder und wieder um die eigene Achse dreht und die Farbe auf dem Papier oder der Leinwand zertritt und in den Grund einreibt, oder als „gegangener“ Kreis oder „gegangene“ Strecke. Hagebölling selbst sagt: „Die großen Zeichnungen (...) sind keine Vorschau auf künftige Skulpturen und haben nichts mit einer malerischen Anschauung zu tun, sie sind eine Tatsache: indem der eigene Standort und der Zeichnungshorizont zusammenfallen und im körperlichen Zugriff Raum und Ort ‚erfasst’ sind – dadurch weisen sie sich als Bildhauerzeichnung aus.“

Arbeiten des Künstlers sind bereits Mitte der 70er Jahre in den großen Salons in Paris und dann in zahlreichen Ausstellungen von renommierten Museen im In- und Ausland gezeigt worden, – dem Kunstmuseum Aalborg, der Kunsthalle Mannheim, dem Lehmbruck-Museum Duisburg, dem Museum Folkwang Essen, der Kunsthalle Bremen, dem Museum am Ostwall Dortmund, dem Yorkshire Sculpture Park, um nur einige zu nennen – in Einzel- oder Gruppenausstellungen, darunter wichtigen Übersichtsausstellungen wie „dreidimensional – aktuelle Kunst aus der BRD“, mit der die BRD 1983 erstmals deutsche Bildhauerkunst im Ausland vorstellte (Stationen waren Tokio, Seoul, Manila, Singapur), „bis jetzt. Von der Vergangenheit zur Gegenwart. Plastik im Außenraum der BRD“, die 1990 in den Herrenhäuser Gärten in Hannover einen Längsschnitt durch die Geschichte der Plastik im Außenraum der BRD bot, oder „Stahlplastik in Deutschland 1993“, der ersten großen Ausstellung west- und ostdeutscher Stahlplastik nach der Wiedervereinigung in Halle an der Saale. Skulpturen und Zeichnungen von Hagebölling befinden sich im Besitz zahlreicher Museen, Institutionen oder auch Kommunen. Bundesweite Aufmerksamkeit erzeugte die jahrelange Diskussion um sein „Keil-Stück“ auf dem Martinikirchhof in Minden.

Hier finden Sie die Einladungskarte.

Ein umfangreiches Begleitprogramm wird zur Ausstellung angeboten.

Hier finden Sie die Kooperationspartner der Ausstellung.